«Hilf, dass ich vergebe …»

Nun ist es wieder passiert – zum zweiten Mal in meinem Leben. Befürchtet hatte ich es schon einige Male mehr. Ich steige am frühen Abend aus dem Zug und gehe die paar Schritte zum Veloparkplatz. Nach einem Tag im Büro freue ich mich auf die gut 20 Minuten Bewegung an der frischen Luft und in der Abendsonne. Zielstrebig gehe ich zu dem Platz, wo ich das Velo abgestellt – und notabene doppelt abgeschlossen und an den Ständer gekettet – hatte. Dann der Moment, den ich hasse: Da ist nichts. Verunsichert lasse ich meinen Blick über den Parkplatz schweifen, gehe Reihe für Reihe zweimal durch, doch von meinem Velo fehlt jede Spur.

Erstmal versuche ich mich zu erinnern. Ich bin doch gestern früh mit dem Velo hierhin gefahren. Oder suche ich es vergebens, weil es zu Hause steht? Aber nein, es gibt keine andere Erklärung: Mir wurde wieder mal das Velo geklaut. Ein Gemisch aus Wut, Frust und Enttäuschung macht sich in mir breit. Darüber, dass ich meinen treuen Drahtesel verloren habe und vermutlich nicht mehr zurückbekommen werde. Aber viel mehr darüber, dass es Menschen gibt, die sich so unrecht verhalten.

Später am Abend gehe ich wie üblich zum Nachtgebet der Gemeinschaft, in der ich lebe. Im Verlauf der Liturgie beten wir jeweils: «Du, mein Gott, vergib meinen Kleinglauben und alles Unrecht dieses Tages. Und hilf, dass ich denen vergebe, dir mir Unrecht getan haben.» Wie oft denke ich bei diesem Gebet dankbar, dass mir den ganzen Tag über kein Unrecht getan wurde. Diesmal hingegen erinnert es mich daran, was nun meine Aufgabe ist: diesen gemeinen Menschen zu vergeben, die sich mein Velo unter den Nagel gerissen haben. Bald ist Karfreitag: Wie viel höher der Preis, den Gott bezahlt hat, um mir zu vergeben …

Daniela Baumann

Dieser Text ist zuerst als Kolumne im Wochenmagazin IDEA erschienen.

Nach oben scrollen