Rut und Resilienz - Teil 1

Betrachtungen von Xandi Bischoff

Da ist eine junge Frau mit einer schweren Geschichte: Verlust ihres Mannes, Migration, Fremdheit, Überlebenskampf, eine verbitterte Schwiegermutter. Aber Rut – so heisst die Hauptperson des gleichnamigen kurzen Buches der Bibel – ist eine Frau, die ihren Weg geht, sich nicht unterkriegen lässt, die widerstandskräftig und anpassungsfähig ist. Für das gibt es ein gutes Wort: Resilienz.

 

Was bedeutet Resilienz?

Resilienz kann als die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen gedeihen zu können, verstanden werden“ (Clemens Sedmak) oder „Trotzmacht des Geistes“ (Victor Frankl)

In Betlehem angekommen, muss Rut einen neuen Alltag, ja eine neue Identität aufbauen. Alles ist fremd. Sie kennt niemanden. Niemand kennt sie. Und Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi (ihrer Schwiegermutter): Ich würde gern aufs Feld gehen und Ähren lesen. Noomi sagte: Geh, meine Tochter. Und sie ging hin und kam und las Ähren auf dem Feld, hinter den Schnittern (Landarbeitern) her. Und es traf sich, dass sie auf dem Teil des Feldes war, der Boas (einem reichen Landbesitzer) gehörte.

 

Es ist eine kunstvolle Kurzgeschichte, die sich hier entfaltet. Gut geschrieben, sorgfältig aufgebaut, mit Anklängen an viele Themen. Rut geht auf Nahrungssuche, sie muss ein Auskommen finden. Trotz Fremdheit, Isolation und Todesfall ergreift Rut die ergreift Initiative. Sie lässt sich nicht fallen, nicht erdrücken. Sie zerbricht nicht an den Umständen. Sie ist resilient. Lateinisch Resilire bedeutet etymologisch das Zurückkehren oder Zurückspringen in eine ursprüngliche Position; abprallen, abspringen; wie ein Metallstück, das nicht bricht, sondern zurückfedert, und wieder in die gute Position zurückspringt.

Rut findet Arbeit und findet Nahrung, denn sie ist bereit irgendetwas zu tun, sei es auch eine niedrige Arbeit wie Ähren sammeln. Übrigens können auch Ähren und andere Pflanzen resilient sein. Sie können sich wiederaufrichten. Das geknickte Rohr zerbricht nicht, sagt der Prophet Jesaja.

Wie bei einer gut aufgebauten Geschichte geht es woanders weiter, um die Spannung zu erhöhen.  Und siehe, Boas war aus Betlehem gekommen und kam zu den Landarbeitern. Eine Diskussion zwischen Boas (sein Name wird immer wieder erwähnt, wie um einen Köder auszuwerfen) über Rut entspinnt sich: Wer? Wie? Was? Die Landarbeiter bewundern sie: So ist sie gekommen und vom Morgen bis jetzt geblieben. Sie hat sich kaum im Haus aufgehalten.

Hier sehe ich ein weiteres Anzeichen für Resilienz: Rut ist ausdauernd. Sie bleibt dran, sie ist hartnäckig und willenstark. Sie bleibt nicht im Haus, sie exponiert sich.

Boris Cyrulnik hat Resilienz am eigenen Leib erlebt und entwickelt. Cyrulniks Eltern, ursprünglich aus der Ukraine kommend und nach Frankreich ausgewandert, wurden im zweiten Weltkrieg deportiert und starben in Vernichtungslagern. Seine Mutter konnte ihn, den sechs Jahre alten Buben, vor ihrer Deportation gerade noch in eine Pflegefamilie geben. Mit sieben Jahren wird er mit anderen in der Synagoge von Bordeaux zusammengetrieben, versteckt sich einige Tage in den Toiletten, überlebt dort die Schiessereien, und wächst in der Résistance auf (mit sieben Jahren in der Résistance!). Diese traumatisierenden Erfahrungen sind der Grund, sagt er später, weshalb er Psychiater, Psychoanalytiker und Verhaltensforscher geworden sei.

Eines seiner Bücher trägt den Titel: Le petit vilain canard, das hässliche Entlein. Im Märchen von Hans-Christian Andersen ist eines der kleinen Entlein hässlicher, dunkler und unförmiger als die anderen; es ist ausgestossen und fremd, und niemand will mit ihm spielen. Es läuft davon, und erst viel später wird klar: es ist ein Schwan, der zu einem schönen weissen Vogel geworden ist.

Das ist Resilienz. Das ist es, was Rut durchmacht und erlebt. Fortsetzung folgt!

 

Xandi Bischoff

Retour haut de page